„Er schob seine Nase unter ihren Rock, und er fand alles, was er suchte.“ Es sind Sätze wie dieser, Sätze, deren kristallklare Schönheit einen einfach auf die Knie zwingen und die das Feuilleton wenige Jahre später zu Vergleichen wie „Der James Dean der Schreibmaschine“ oder „Ein Schriftsteller, der sein Handwerk beherrscht wie Mick Jagger das Singen“ verführten. Zugegeben, das hinkt, aber zumindest am richtigen Bein. Denn das, was Djian mit den Herren Dean oder Jagger tatsächlich verbindet, ist die brodelnde Intensität seiner Kunst.
Doch diese Intensität, mit der Djian in fulminanten Romanen wie „Erogene Zone“, „Betty Blue“, Verraten und verkauft“ oder „Rückgrat“ den stinknormalen Alltag in ein rauschendes Fest der Sinne verwandelt, ist nicht das Werk eines Autors, der aus dem Bauch heraus (in Djians Fall vielleicht sogar etwas darunter) schreibt. Keineswegs. Wenn Philippe Djian den Dreck unter den Fingernägeln mit der gleichen Poesie feiert wie den schwitzigen Duft von Sex, wenn das Entkorken einer Flasche oder das Aufkochen eines starken Kaffees plötzlich völlig ausreicht, um dem menschlichen Dasein einen tieferen Sinn zu geben, dann hat das genau einen Grund: seinen Stil. Niemand, wirklich niemand, beherrscht es, so präzise im Grenzbereich zwischen pulsierendem Leben und literarischer Reflexion herumzuflanieren wie Philippe Djian.
„Im Gegensatz zur Eleganz oder zur Fähigkeit, einen Raum (insbesondere in den Medien) einzunehmen, ist der Stil keine natürliche Gabe. Wenn man der Einfachheit halber erklären würde, daß Stil das Vermögen ist, alle Erfahrungen eines Menschen in einem Satz zusammenzufassen, kann man die Sache schon besser einschätzen“, schreibt Djian. Und, ja, man kann die Sache besser einschätzen.
Philippe Djian ist 1949 in Paris geboren. Er hat also Sichtkontakt zu seinem 60er. Das ist vermutlich ein Punkt, an dem einer wie er, seine Erfahrungen neu ordnen muss. Und dann wird er wiederkommen, um sie in einem Satz zusammenzufassen.


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100 zu 1 / Djian Philippe



100 zu 1

Djian Philippe


Diogenes Verlag
Übersetzer: Michael Mosblech
Rezension ist von 02/2008
Leserschwert-Genre: Stories

Eine Frage des Stils

Er wird wiederkommen. Ich persönlich vermute, sogar stärker denn je. Aber das ist Zukunftsmusik, denn derzeit sitzt Philippe Djian in einem Tunnel fest, zwar mit aufgeblendeten Scheinwerfern und laufendem Motor, aber ausgekuppelt. Literarisches Standgas. Die Romane, die er zuletzt veröffentlichte – „Sirenen“, „Reibereien“, „Die Frühreifen“ – waren alle ziemlich gut. Aber ,ziemlich gut‘ ist für einen Schriftsteller, der in den 80ern und 90ern Bücher rausrotzte, die das pure Leben mit geballter Faust streichelten und auf dem schmalen Steg zwischen Zorn und Zärtlichkeit wilde, besoffene Tänze aufführten, eine Kategorie, die dem Dasein nur im Weg steht.
Begonnen hat alles 1981 mit „50 contre 1“, einer Sammlung von Stories, die nun unter dem Titel „100 zu 1“ erstmals auf Deutsch erschienen sind und einen Djian zeigen, der noch nicht beschlossen hatte, Schriftsteller zu sein, sondern mit 22 Jahren an einer Autobahnmautstelle seine Zeit damit totschlug, vollig durchgeknallte Sex, Drugs & Rock‘n‘Roll-Miniaturen in einen Notizblock zu kritzeln. Ein gewaltiger Unterschied, wie man „In der Kreide“, Djians grandioser Hommage an seine Lieblingsautoren aus dem Jahr 2004, nachlesen kann: „Man muss wissen, dass man beschließt Schriftsteller zu werden. Die Fähigkeit dazu und vielleicht ein paar in einer Schublade eingeschlossene Beweise dafür zu haben, heißt noch nichts, solange man sich nicht dazu entschlossen hat. Zu dem erhofften Talent kommt noch der Wille – ich würde sogar sagen, beides zu gleichen Teilen.“ Was die sprachliche Wucht dieser frühen, "unentschlossenen“ Stories nur umso bemerkenswerter macht.
„Er schob seine Nase unter ihren Rock, und er fand alles, was er suchte.“ Es sind Sätze wie dieser, Sätze, deren kristallklare Schönheit einen einfach auf die Knie zwingen und die das Feuilleton wenige Jahre später zu Vergleichen wie „Der James Dean der Schreibmaschine“ oder „Ein Schriftsteller, der sein Handwerk beherrscht wie Mick Jagger das Singen“ verführten. Zugegeben, das hinkt, aber zumindest am richtigen Bein. Denn das, was Djian mit den Herren Dean oder Jagger tatsächlich verbindet, ist die brodelnde Intensität seiner Kunst.
Doch diese Intensität, mit der Djian in fulminanten Romanen wie „Erogene Zone“, „Betty Blue“, Verraten und verkauft“ oder „Rückgrat“ den stinknormalen Alltag in ein rauschendes Fest der Sinne verwandelt, ist nicht das Werk eines Autors, der aus dem Bauch heraus (in Djians Fall vielleicht sogar etwas darunter) schreibt. Keineswegs. Wenn Philippe Djian den Dreck unter den Fingernägeln mit der gleichen Poesie feiert wie den schwitzigen Duft von Sex, wenn das Entkorken einer Flasche oder das Aufkochen eines starken Kaffees plötzlich völlig ausreicht, um dem menschlichen Dasein einen tieferen Sinn zu geben, dann hat das genau einen Grund: seinen Stil. Niemand, wirklich niemand, beherrscht es, so präzise im Grenzbereich zwischen pulsierendem Leben und literarischer Reflexion herumzuflanieren wie Philippe Djian.
„Im Gegensatz zur Eleganz oder zur Fähigkeit, einen Raum (insbesondere in den Medien) einzunehmen, ist der Stil keine natürliche Gabe. Wenn man der Einfachheit halber erklären würde, daß Stil das Vermögen ist, alle Erfahrungen eines Menschen in einem Satz zusammenzufassen, kann man die Sache schon besser einschätzen“, schreibt Djian. Und, ja, man kann die Sache besser einschätzen.
Philippe Djian ist 1949 in Paris geboren. Er hat also Sichtkontakt zu seinem 60er. Das ist vermutlich ein Punkt, an dem einer wie er, seine Erfahrungen neu ordnen muss. Und dann wird er wiederkommen, um sie in einem Satz zusammenzufassen.


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