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253 / Geoff Ryman



253

Geoff Ryman


dtv Verlag
Übersetzer: Lutz-Werner Wolff
Rezension ist von 3/2000
Leserschwert-Genre: Seltsam

Die Summe der Einzelteile

Der eine plant einen Mord, der andere eine Geburtstagsüberraschung, der eine betäubt kranke Gorillas, die andere liebt Saddam Hussein, die eine denkt an junge Liebe und dicke Hintern, der andere an Gin und Tonic. Einheimische sitzen neben Flüchtlingen, Schwarze neben Weißen, verträumte Künstler neben realistischen Ganoven. Keiner weiß wirklich vom anderen und trotzdem sitzen sie alle in einem Boot – bzw. am 11. 1. ’95 in einem Londoner U-Bahn-Zug der Bakerloo Line. Es hat an diesem Tag keinen Unfall gegeben, niemand wurde um 8.42 Uhr in einem Tunnel zerquetscht. Aber wenn es so gewesen wäre …
Der Zug hat 7 Waggons, jeder Waggon hat 36 Sitzplätze, ergibt (ein Fahrer inkl.) in Summe den U-Bahn-Roman „253“. Und jeder Passagier hat genau eine Seite, exakt 253 Worte, in denen der kanadische Autor Geoff Ryman ihre „Äußere Erscheinung“, „Private und berufliche Informationen“ und „Was er/sie gerade tut oder denkt“ beschreibt. Das Buch – ursprünglich als Internet-Roman angelegt (www.rymannovel.com) – liest sich wie ein Puzzle, das dem Großstadtleben mit jeder Seite, jedem Porträt, jedem Einzelschicksal eine neue Facette hinzufügt. Dadurch ergibt sich formal natürlich ein ziemliches Heckmeck, aber das liegt durchaus im literarischen Fahrplan. Denn Ryman hat das berühmte Zwischen-den-Zeilen-Lesen einfach in ein Zwischen-den-Seiten-Lesen umfunktioniert – für den Zug dieses U-Bahn-Romans sorgt die Phantasie des Lesers.
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