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Arrivederci amore, ciao / Massimo Carlotto



Arrivederci amore, ciao

Massimo Carlotto


Heyne Verlag
Erscheiungstermin: 08/2008
Übersetzer: Hinrich Schmidt-Henkel
Rezension ist von 08/2008
Leserschwert-Genre: Böse

Carlottos Weg

Auf der Cover-Innenseite dieses schlanken Taschenbüchleins sind einige Pressestimmen abgedruckt. Sie haben eines gemeinsam: das Wort „böse“. Und in diesem Fall darf man davon ausgehen, dass die begriffliche Harmonie ausnahmsweise wenig damit zu tun hat, dass Medien die Beschäftigung mit Literatur zunehmend als gegenseitigen Abschreibposten definieren. Nein, hier springt einen das Böse wirklich an; nicht mit schleichender Heimtücke, bestialischer Brutalität oder psychopathologischer Perversion, sondern mit der dreisten Nonchalance völliger Normalität. Mitten ins Gesicht. Und darin liegt auch die seltsame Faszination dieses Romans von Massimo Carlotto. Denn im Gegensatz zu professionellen Gänsehäutern vom Zuschnitt eines Hannibal Lecter und all seinen Trittbrettmonstern, die durch die Bank erschaffen wurden, um den gefesselten Leser das Fürchten zu lehren (bzw. den Absatz von Sicherheitsschlössern anzukurbeln), haben wir es hier mit einer Art Antiheld des Bösen zu tun, einem, der mit dem Begriff der Moral ungefähr so viel anzufangen weiß wie eine Schlange mit einem hübschen Paar Wanderschuhe.
Der Mann heißt Giorgio Pellegrini und ist ein Jugendsünder. Kleine linke Terrorzelle im Italien der 70er-Jahre, mehr Abenteuerlust als ideologische Überzeugung. Bis eines Tages ein neugieriger Wachmann mitsamt einer Bombe hochgeht, an der Giorgio mitgebastelt hat, und ihn damit zwingt, sich bei Nacht und Nebel Richtung Mittelamerika abzusetzen. Doch nach einer Weile stinkt Giorgio das geduckte Drecksleben in dem Flüchtlingscamp für europäische Ex-Terroristen ganz gewaltig. Er will einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit ziehen, träumt von einer bürgerlichen Existenz irgendwo in seinem Heimatland. Haus, Frau, Garten, Auto – tutti frutti, was man als angesehenes Mitglied der Gesellschaft eben so braucht.
Und jetzt kommt’s. Denn der 1956 in Padua geborene Autor Massimo Carlotto, der selbst als Sympathisant der linken 70er-Bewegung Italiens zu Unrecht wegen Mord verurteilt wurde, fünf Jahre auf der Flucht und sechs Jahre im Gefängnis war, bis er im Jahre 1993 begnadigt wurde, lässt Giorgio einfach von der Leine. Und Giorgio marschiert los, querfeldein, sein großes Ziel vor Augen. Fortan begleitet der Leser mit stetig wachsender Fassungslosigkeit einen tatkräftigen jungen Mann, der all seine Energien dafür aufbringt, so zu sein wie alle anderen – mit dem entscheidenden Systemfehler, dass seine Batterien ausschließlich kriminelle Energie freisetzen. Giorgios Rechtsempfinden reduziert sich punktgenau auf sein unantastbares persönliches Recht auf ein unkompliziertes, behagliches Leben. Wer ihm auf dem Weg dorthin behilflich sein kann, wird zum notwendigen Gebrauchsgegenstand degradiert, wer sich zwischen ihn und sein Ziel stellt, muss die logischen Konsequenzen selbst tragen: vom schmutzigen Verrat bis zum sauberen Genickschuss.
Die Fratze des Bösen kommt in „Arrivederci amore, ciao“ ohne besondere Mimik aus. Sie grinst nicht diabolisch, sie ist auch nicht emotionslos versteinert. Sie ist einfach nur ein bisschen selbstgefällig. Das Erschreckende an diesem Giorgio Pellegrini ist das Weltbild, in dem er seinen Platz fordert, eine skrupellos existenzialistische Interpretation von Ursache und Wirkung, die sich aus dem fundamentalen Glauben nährt, dass der Zweck jedes Mittel heiligt. Und der Zweck heißt Giorgio Pellegrini.
In fein abgestimmter Kombination mit dem lullend-lakonischen Erzählstil, mit dem Signor Carlotto seinem grausam verlorenen Sohn da völlig unbeteiligt über die Schulter blickt, nistet dieses verstörende Buch das Böse dort ein, wo man es am allerwenigsten haben will: im guten Recht jedes Menschen.

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