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Millie / Helen Walsh
Die Chancen, in der britischen Literaturszene mit einer Sex-&-Drugs-Story einen kantigen Skandal zu ...

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Millie / Helen Walsh



Millie

Helen Walsh


KiWi Verlag
Erscheiungstermin: 03/2006
Übersetzer: Clara Drechsler und Harald Hellmann
Rezension ist von 02/2006
Leserschwert-Genre: Real Life

Walk on the Wild Side

„Das ist keine Literatur – das ist Gift!“ Dieser eruptive Zwischenruf, mit dem (wie Konrad Lischka in einem bemerkenswerten Artikel im Bücher Magazin berichtet) der Veranstalter einer Lesung der britischen Autorin Helen Walsh seiner Empörung Luft machte, als diese gerade eine Szene aus ihrem Debütroman „Millie“ zum Besten gab, entspricht wahrscheinlich dem, was sich viele im Stillen gedacht haben. Denn in besagter Szene auf Seite 106 ist detailgetreu nachzulesen, wie die Titelheldin es einer Prostituierten brutal mit einer leeren Bierflasche besorgt. Und es ist eine durchaus typische Szene für dieses Buch, das vor knapp zwei Jahren in England für hitzige Diskussionen sorgte und die Kritiker in zwei Lager spaltete. Nun ist das „Skandal“-Buch auf Deutsch erschienen und man kommt bei der Lektüre nicht umhin, sich zu fragen, was die Briten eigentlich so aus dem Häuschen gebracht hat; zumal sich Gift und Literatur ja nicht zwingend gegenseitig ausschließen … Aber alles der Reihe nach:
„Millie“ ist die Story einer hübschen 19-jährigen Engländerin aus gutbürgerlichen Verhältnissen, die hinter der lustlos aufgesetzten Fassade einer engagierten Soziologie-Studentin erbarmungslos mit einer Abrissbirne wütet, die sämtliche tragenden Mauern ihrer Existenz abräumt. Millie ist gierig und Millie ist geil. Ihr Leben braucht keinen Grund, ihr Leben braucht einen Abgrund. Sie zieht sich Alkohol, Ecstacy und Koks rein, in loser Reihenfolge, aber in jedem Fall bis hart an den Rand des Deliriums, von dem aus sie sich dann wie ein ferngesteuerter Aasgeier in die tiefsten Vierteln von Liverpool stürzt, um bei billigen Nutten schnellen, erniedrigenden Sex zu kaufen. Durchbrochen wird dieser destruktive Egotrip lediglich durch ihre Freundschaft zu Jamie, ihren „Bruder“ aus dem Arbeitermilieu, in dessen Welt sie jene Romantik zu finden glaubt, die sie in ihrer eigenen nicht einmal sucht. Die Sprache ist hart, zynisch, direkt und obszön, die Sucht kommt hier mit der gleichen schonungslosen Intensität daher wie die Sehnsucht. Kurz: „Millie“ ist Hardcore, in jeder Beziehung.
Zugegeben, das Buch lässt einen nicht kalt und sollte tunlichst nicht an Jugendliche abgegeben werden, aber Skandal …? Naja. Kaum vorstellbar, dass in einem Land, in dem Tabu-Berserker wie Irvine Welsh mittlerweile zum Literatur-Establishment zählen, eine Gossen-Orgie aus Sex & Drugs die Moralapostel und Feministinnen auf die Barrikaden treibt. Daran ändert auch die Tatsache wenig, dass es sich vorwiegend um lesbischen Sex handelt; immerhin standen homoerotische Outings standen bereits im Jahr 2004, als das Buch unter dem Originaltitel „Brass“ erschien, hoch im Zeitgeistkurs.
Aber was ist es dann? Wo schlummert der Skandal? Nun, vermutlich geht es überhaupt nicht, darum, was in dem Buch steht, sondern darum, wer hinter dem Buch steht. Und zwar so dicht, dass dazwischen kein Raum für Interpretationen bleibt. Es geht um die Autorin Helen Walsh. Eine heute 28-jährige, attraktive und offensichtlich hochintelligente Frau aus einfachen Verhältnissen, die kein Geheimnis daraus macht, dass „Millie“ – auch wenn es keine Autobiografie ist – in wesentlichen Zügen ihrem eigenen Leben entstiegen ist; die offen erzählt, dass sie bereits mit 14 Jahren soviel Drogen durch ihren Körper geschleust hat, wie man es gemeinhin eher von einem Glamrocker in der Midlifecrisis erwartet; oder dass sie mit 16 aus Barcelona, wo sie als eine Art Kontakterin in einer Transen-Bar jobbte, flüchten musste, weil sie sich mit einem mächtigen Dealer angelegt hatte …
Es geht also darum, dass man hier völlig ungehindert eine fremde, aber authentische Seelenlandschaft betritt, die normalerweise weit hinter einer schwer befestigten Schamgrenze liegt, und dabei instinktiv jenes Schamgefühl entwickelt, das die Autorin scheinbar längst abgelegt hat. Das ist nicht angenehm, also schreit man: Skandal! Denn sonst würde man ja vielleicht auf die Idee kommen, der konsequenten Perspektive der Autorin zu folgen und völlig irritiert feststellen, dass sich aus diesem zerbrechlichen Blickwinkel alles Skandalöse in Nichts auflöst, oder noch schlimmer: in einem realen Leben. So gesehen wäre der aufgebrachte Veranstalter der Wahrheit wohl näher gekommen, wenn er gebrüllt hätte: „Das ist keine Literatur – das ist ein Gegengift!“
Bewertung

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