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Al-Qaida – Texte des Terrors / Gilles Kepel, Jean-Pierre Milelli



Al-Qaida – Texte des Terrors

Gilles Kepel, Jean-Pierre Milelli


Piper Verlag
Erscheiungstermin: 03/2006
Übersetzer: B. Galli, E. Heinemann, U. Schäfer, T. Schmidt
Rezension ist von 03/2006
Leserschwert-Genre: Sachbuch

Inside Al-Qaida

Spätestens, wenn im News-Room „weitere wichtige Meldungen des Tages“ blockweise abgefertigt werden, kommen die Bilder so sicher wie Allah im Gebet: Zerbombte Häuser, zerrissene Autos, zerfetzte Menschen. Dazu die Opferbilanz aus dem Off und … [Schnitt]. Wir haben uns daran gewöhnt. Im Schatten von 9/11, als der radikale Islamismus in eine neue, unbegreifliche Dimension des Tötens vorstieß, hat sich der medial transportierte Terror in unseren Alltag geschlichen, und auch wenn der fundamentalistische Fanatismus mit Al-Qaida und Osama Bin Laden sowohl einen Namen als auch ein Gesicht bekommen hat, die ideologischen Hintergründe des neu entflammten Dschihad sind heute genauso ungreifbar wie am 11. September 2001.
Gegen dieses grundlegende Unverständnis versucht der renommierte französische Soziologe und Islam-Experte Gilles Kepel bereits seit Jahren mit zahlreichen Buch-Publikationen anzukämpfen. Seine komplexen, erstaunlich leicht lesbaren und überaus spannenden Analysen wie „Das Schwarzbuch des Dschihad“ (das im Original weit vor 9/11 erschien) oder „Die neuen Kreuzzüge“ (2004) waren international auf nahezu allen Sachbuchcharts zu finden, riefen aber auch zahlreiche Kritiker auf den Plan, die hinter dem unaufgeregten, wissenschaftlichen Ton, den der Franzose im Gegensatz zu vielen seiner US-Kollegen anschlug, und Kepels optimistischer Diognose, dass sich der radikale Islamismus einem internen Auflösungsprozess nähere, blanken Zynismus aufblitzen sahen – ein Vorwurf, dem die latent antiamerikanische Haltung Frankreichs im Irak-Krieg natürlich zusätzliche Nahrung bot. Dabei folgt Kepel bei objektiver Betrachtung einer ebenso simplen wie bestechenden Logik: Das Verständnis für den Kampf des radikalen Islamismus ist das wichtigste Instrument für den Kampf gegen den radikalen Islamismus. Dass er damit nicht überall auf offene Ohren stößt, ist nicht wirklich überraschend …
In seinem neuen Buch, das er gemeinsam mit Jean-Pierre Milelli ediert hat, der so wie Kepel selbst am Institut d’Etudes Politique in Paris lehrt, geht Kepel noch einen Schritt weiter, besser gesagt; zurück. An die Quelle. „Al-Qaida – Texte des Terrors“ ist eine Zusammenstellung von Originalschriften, die – größtenteils via Internet verbreitet – den vier einflussreichsten Ideologen von Al-Qaida zugeordnet werden: Osama Bin Laden, Abdullah Azzam, Ayman al-Zawahiri und Abu Mus’ab al-Zarqawi. Diese Texte sollen für sich sprechen, Kepel und sein Expertenteam reduzieren sich darauf, die einzelnen Autoren in einen politischen und historischen Kontext zu stellen und die Texte anschließend zu kommentieren. Die Zugangsweise ist eine neue, der thematische Ausgangspunkt allerdings nicht: Der westliche „Krieg gegen den Terror“ ist zum Scheitern verurteilt – vor allem, weil niemand weiß, was Al-Qaida wirklich will. So macht Kepel bereits in seinem Vorwort klar: „Daß wir den Terror vom moralischen Standpunkt aus verurteilen, versetzt uns freilich keinesfalls in die Lage, das Wesen von Al-Qaida zu begreifen.“ Ganz im Gegenteil: in Anlehnung an Emile Durkheims „Vorbegriff“ sieht Kepel in dem undifferenzierten Etikett „Terrorismus“ ein ganz wesentliches Problem für dessen Bekämpfung: „Grob vom allgemeinen Menschenverstand ausgehend, wird ein Konzept entwickelt, das vorgibt, ein soziales Phänomen erkennbar zu machen, tatsächlich aber der Erkenntnis im Wege steht.“ Womit gleichzeitig auch die Grundidee zu diesem Buch erklärt wäre; und seine besondere Stärke. Denn, wo keine Interpretation stattfindet, kann – bewusst oder unbewusst – auch keine falsche Interpretation stattfinden.
Wie aufschlussreich diese puristische Methode, Al-Qaida quasi von innen heraus darzustellen, sein kann, zeigt sich am besten an einem griffigen Beispiel. Jeder von uns hat bereits in unzähligen Diskussionen oder Kommentaren gehört bzw. gelesen, dass sich die Gewalt keineswegs mit den Lehren des Koran in Einklang bringen oder gar begründen lassen. Wie leicht sich diese Unvereinbarkeit im ideologischen Universum von Al-Qaida umgehen lässt, demonstriert Gilles Kepel anhand Osama Bin Ladens „Erklärung der internationalen islamischen Front für den heiligen Krieg gegen Juden und Kreuzfahrer“. Dort verweist der Terror-Pate auf folgenden Vers: Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf [Koran, 9,5] In der Erläuterung heißt es dazu: „Der fünfte Vers dieser Sure, dessen erster Teil hier zitiert wird, ist der berühmte ,Vers vom Schwert’ (âyat al-sayf). Für die Islamisten setzt der Vers vom Schwert jeden anderen Vers außer Kraft, der zu einer versöhnlichen Haltung gegenüber Nicht-Muslimen aufruft.“ Eine lapidare Fußnote als Freibrief für die Gewalt. Derartigen fanatischen Hetzschriften, die zwischen perfider Legitimation, obskurer Instrumentalisierung und göttlichem Auftrag oszillieren, stehen aber auch ganz nüchterne Analysen gegenüber, wie etwa Bin Ladens 9/11-Billanz: „Al-Qaida hat für die Operation am 11. September 500 000 Dollar ausgegeben, während Amerika durch das Ereignis und seine Auswirkungen, vorsichtig geschätzt, 500 Milliarden Dollar verloren hat. Das heißt jeder Dollar von Al-Qaida hat eine Million Dollar vernichtet dank des allmächtigen Gottes.“
Im letzten Absatz seines Vorworts schreibt Gilles Kepel: „All unser Bemühen in diesem Buch geht dahin, Theorie und Ideologie von Al-Qaida auch dem Nichtspezialisten zugänglich zu machen und auf diese Weise einen Beitrag zu leisten, Licht in eine dunkle Region unserer gegenwärtigen Welt zu bringen.“ Das ist ihm und seinem Autorenteam zweifelsfrei gelungen. Und wenn man sich die kaum überschaubaren politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, die diese Ideologie quer durch die Welt mit Gewalt erzwingt, vor Augen führt, gehört dieses Buch eindeutig unter der Rubrik ,Pflichtlektüre’ ins Regal.
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